Andere Politik | Aktuell » Zur Diskussion um E 10 und des Deutschen liebstes Kind

Sie befinden sich hier: Start » Aktuell » Zur Diskussion um E 10 und des Deutschen liebstes Kind

Zur Diskussion um E 10 und des Deutschen liebstes Kind

– ein Kommentar

Ist der Biosprit „Bio“? Dazu müsste zunächst mal „Bio“ definiert werden: Bei Nahrungsmittel ist der Begriff nach EU-Recht gesetzlich definiert. Diese Produkte müssen aus ökologisch kontrolliertem Anbau stammen, dürfen nicht gentechnisch verändert sein und wurden ohne Einsatz konventioneller Pestizide, Kunstdünger oder Abwasserschlamm angebaut. Überträgt man das auf Treibstoff, was die Vermarkter durch die beharrliche Verwendung des eigentlich geschützten Begriffes „Bio“ versuchen, so bleibt nicht viel übrig. Eine einfache Rechnung zeigt: Die Ackerfläche, auf der „Bio“Sprit angebaut wird, war vorher Brachland oder Regenwald und diente dem Klimaschutz oder war vorher Anbaufläche für Nahrungsmittel. Wenn diese wegfällt, hungern die Menschen oder roden Waldflächen.

Die verwendeten Mais, Raps und Weizen werden auch in Deutschland def. NICHT ökologisch kontrolliert angebaut, von Brasilien und Indonesien sprechen wir lieber gar nicht erst … Hier ist gar nichts „öko“, hier wird Regenwald abgeholzt durch Flächenverdrängungen, hier werden Kleinstbauern enteignet und ins soziale Elend gestürzt, hier werden Nahrungsmittelanbauflächen für „Bio“Sprit-Produktionen umgewidmet … Die immer wieder als Feigenblatt hervorgezauberte „Zertifizierung“ greift vorn und hinten nicht, ist problemlos zu unterlaufen oder zu umgehen.

Vielmehr wird der Selbstbetrug hofiert: Autofahren ist ja ach so öko, das CO2-Problem existiert nicht für uns, wenn wir mit „Bio“-Sprit bei 180 über die Autobahn brausen. DAS ist das eigentliche Problem von E 10, nicht dass ein paar altersschwache Motoren den Geist aufgeben könnten. Aber jenes bewegt die Leute und formiert den Widerstand, bezeichnend für Deutschland 2011!

Dass wir uns (wir Grüne eingeschlossen) seit Erkennen der Klimaänderung – immerhin schon 1992, spätestens seit der „letzten Ausfahrt Rio“ hätte jeder Interessierte die Fakten kennen können – von Notbehelf zu Notbehelf hangeln, statt über echte Alternativen nachzudenken, macht die Sache nicht besser. Die Erkenntnis ist einfach: Die Mobilität, die wir (Deutsche, Europäer, US-Amerikaner …) leisten, auf den Rest der Welt übertragen, führt schlicht in wenigen Jahrzehnten zum ökologischen und ökonomischen Kollaps. Also was tun? Den „anderen“ verbieten, unseren vermeintlich tollen Lebensstandard erreichen zu wollen? Das geht nur mit Gewalt!

Dabei gibt es Alternativen, die schnell greifen würden: Ein Tempolimit würde sofort – ohne negative Nebenwirkungen – den Verbrauch teuren Öls stärker senken als zehn Prozent Ethanol im Sprit. Eine Gesetzesänderung zu den deutschen Dienstwagen-Regeln oder zur Kfz-Steuer würde verbrauchsarmen Motoren Vorschub leisten. Oder Tarifsenkungen, am besten auf den Nulltarif und Fahrplanverbesserungen würden bei gleichzeitiger Verteuerung der Parkmöglichkeiten und einer Einführung einer Citymaut. Und wir alle müssen über unsere künftige Mobilität grundsätzlich nachdenken: Pendeln oder nah am Arbeitsplatz wohnen, große Urlaubsfahrten oder -flüge oder am Wochenende mal schnell zum „Shoppen nach Mailand hoppen“? Wir liegen mit unserem CO2-Fußabdruck etwa vierfach über unserem zulässigen „Soll“-Wert, und unser Verkehrsverhalten ist (neben der Ernährung) dabei der wesentliche Teil.

Zur Lösung wird der Traum von der e-Mobility geträumt, ohne zu wissen, woher das Lithium und die „Seltenen Erden“ für die Akkus kommen soll, wie der benötigte Strom „erneuerbar“ produziert werden soll und wie die Reichweite von heute 50 km auf praxisnahe 500 km gesteigert werden soll.

Röttgen muss schon zur ganz großen Keule mit der Abhängigkeit von Gaddafis 2 % Öl am deutschen Umsatz greifen, um den E 10-Einsatz noch zu rechtfertigen, alle andere positiven Argumente sind bereits widerlegt. E10 ist eine deutsche Philosophie, und DIE darf nicht scheitern. Denn scheitert sie, wird zumindest eines der beiden Kartenhäusern einstürzen: das der deutschen Vorreiterrolle beim Klimaschutz oder das der unbegrenzten deutschen Mobilität („Freie Fahrt für Freie Bürger“)

Quellen:

http://www.zdf.de/ZDFde/suche.html?pn=1&kw=E10&Suchen.x=0&Suchen.y=0&Suchen=search

http://www.upi-institut.de/biosprit.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Biokraftstoff

http://www.footprintnetwork.org/de/index.php/GFN/page/carbon_footprint/

http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/co2-fussabdruck.html

zum Seitenanfang